Fotos, Getestet
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Unnu? – Harley-Davidson Street 750

Lampertheim, irgendwann im Spätsommer. Bei der Bikerszene waren gerade Chopperwochen und von den Freiheitseisen sollten Fahraufnahmen gemacht werden. Es mangelte an Fahrern und ich sprang ein. Die Gelegenheit, endlich das Bild, das ich von Maschinen aus der Produktion von „God‘s very own Motorcycle Company“ habe, der Realität gegenüberstellen zu können, und durch harte Fakten (sprich: subjektive Eindrücke) zu untermauern … oder zu demontieren?

Die Hansen‘sche Krankheit

Aber spulen wir etwas vor. D. erzählte mir vor einer Weile beim Besuch seines durch Umzug verschollenen und nun wiedergefundenen Stammitalieners von einem seiner Arbeitskollegen, der gerade frisch aus dem Urlaub zurück war. Drei Wochen auf der gemieteten Harley durch die USA, all inclusive – abvibrierte Scheinwerfer, Rückleuchten und Fußrasten, sowie ein gegen die Laufrichtung montierter Vorderreifen, mit dem das materialisierte Lebensgefühl bei Regen ähnlich guten Grip hatte wie ein Turnschuh auf Nacktschnecke an nassem Holz.

Natürlich sind abvibrierte Teile, abhängig davon, um welches es sich handelt, nichts zwingend Dramatisches. Außerdem taugen sie, wie man sieht, zumindest als gute Geschichte. Und ich erinnere mich daran, dass auch Herr Trölf auf dem Weg nach Italien ab und an den Scheinwerfer seiner SR500 wieder festziehen musste. Aber anders als von einem 30+ Jahre alten Brot- und Buttermopped, dem ich so ein kleines bisschen Lepra als sympathische Marotte durchgehen lassen kann, haben von einer beinahe ladenneuen Maschine, die deutlich jenseits von 10.000 Euro residiert, einfach keine Teile abzufallen, egal wie undwichtig sie sein mögen.

Jetzt ist die Geschichte natürlich eine Information aus zweiter Hand. Aber zum einen stammt sie aus einer vertrauenswürdigen Quelle, zum anderen ist sie ein gutes Beispiel dafür, wie ich mir so eine Harley bisher vorgestellt habe. Deshalb freute es mich, dass ich endlich einmal schauen konnte, in wie weit das Bild zutreffend ist und wie viel davon möglicherweise Vorurteil.

Der Dude, Farbe und Pragmatismus

Ich hatte gerade den Schlüssel in das Zündschloss gesteckt und umgedreht. „Meeep. Meeep.“ wanderte die rot leuchtende Tachonadel über das ebenso beleuchtete Skalenblatt einmal von Null auf Anschlag und wieder retour, so wie man es von vermutlich allen modernen Maschinen kennt. Mit einem Unterschied: alles geht seeehr viel langsamer. „Schön! Man kennt seine Kundschaft.“ denke ich mir und muss schmunzeln. Aber nicht etwa verächtlich, sondern weil diese „Geste“ auf ihre eigene Althippieart sympathisch wirk: „Ey, kein Stress, Mann …“

Viel mehr Inaugenscheinnahme gab es erstmal nicht – wir blubberten los, der Freiheit entgegen. An der ersten Ampel dann das altbekannte Spiel, das immer gespielt wird, wenn Normalerweise-nicht-Cruiser-Fahrer plötzlich Cruiser fahren: Fußrastenfischen. Dabei stochert der irritierte Fahrer unbeholfen mit den Füßen in der Luft herum und versucht mit möglichst wenigen Versuchen die Fußrasten zu finden. Durchaus unterhaltsam, wenn man die Zeit hat sich das anzuschauen. Und die hatte ich, der menschenwürdigen Position „meiner“ Fußrasten sei Dank. Die sitzen an der Street 750 nämlich nicht – wie gattungstypisch – irgendwo knapp hinter dem Vorderrad, wo sie das Fahrverhalten eines von links nach rechts durch den Sarg rollenden Leichnams vermitteln, sondern so weit hinten, dass man einen Kniewinkel von knapp unter 90 Grad hat, und so hoch, dass man nicht beim ersten kleinen Bisschen Schräglage aufsetzt. Und auch obenrum passt die Sache. Der Lenker ist nicht übertrieben hoch oder breit und hat eine entspannte Position. Insgesamt ist die Ergonomie der Street 750 also deutlich mehr auf tatsächliche Benutzbarkeit ausgelegt, denn auf ein fragwürdiges Verständnis von Coolness.

Eine ganze Weile sind wir durch die schier unendliche Weite der hessischen Prärie geritten, immer die Route „Wo zum Geier sind wir denn hier?!“ entlang, bis wir irgendwann eine Pause einlegten. Die Sonne stand noch hoch – eine gute Gelegenheit mir das Gerät einmal genauer anzuschauen.

Es dominiert schwarz. Das ist gut. Es ist wohl der erträglichste Kompromiss, solange es nichts Dunkleres gibt. Besonders gut gefallen hat mir dabei die Auspuffanlage, die mit ihrer seidenmatten Lackierung aussieht als sei sie keramikbeschichtet. Weniger gut gefallen hat mir die – vor allem im Vergleich zum Rest – etwas grobschlächtige Verarbeitung der Gabelbrücken. Der Aluguß ist recht uneben, was durch die glänzend schwarze Lackierung noch hervorgehoben wird. Aufgelockert wird das viele Schwarz durch ein paar blutrote – „Fire Red“, wie H-D die Farbe nennt – Kleckse in Form von Kotflügeln und Tank. Insgesamt eine sehr ansehnliche Kombination.

Anders als die traditionell vom lauwarmen Wind der Freiheit gekühlten V-Twins aus Amerika, ist der Motor der in Indien gebauten Street 750 wassergekühlt. Das sieht zwar weniger klassisch aus, ist aber technisch einfach sinnvoll, da sich so die Wärmeentwicklung des Motors mit weniger Aufwand besser kontrollieren lässt. Weil sich aber so ein Radiator nicht wirklich gut verstecken lässt – zumindest wenn man eine möglichst günstige Einsteigermaschine bauen will -, hat man bei Harley einfach eine schlichte schwarze Verkleidung darüber gestülpt, die sich über die komplette Motorfront spannt. Pragmatisch, sauber und aufgeräumt.

Harley, STAHP!

Der für mich interessanteste Teil des Experiments „H-D“ war: Wie fährt sich das Teil? Das klingt im ersten Moment wahrscheinlich sehr naheliegend, aber ich glaube, viele Jünger des American Iron interessiert das so gut wie gar nicht. Oder zumindest doch sehr viel weniger als die Optik und das Bild, das sie damit von sich selbst zu vermitteln glauben. Kuriositäten wie Dragbars, Ape Hanger, vorverlegte Fußrastenanlagen oder 20 Zoll breite Hinterreifen untermauern diese These.

Deshalb war ich froh, dass die Street 750 auf der Straße ihrem ersten Eindruck von tatsächlicher Benutzbarkeit gerecht wurde. Der „Revolution X“ ist neben dem „Revolution“ aus der V-Rod der einzige andere wassergekühlte, kurzhubige Motor im Programm – und dementsprechend auch recht drehwillig. Der Antrieb mit dem etwas schwülstigen Namen leistet knapp 60 PS und 60 Nm, zieht ganz anständig an und läuft angenehm rund. Diese Rhythmusstörungen, wie man sie bei anderen im Stand laufenden Harleys manchmal hört, und wo man am liebsten Werkzeug zücken, hinrennen und die Zündung richtig einstellen will, hat sie nicht. Den Schaltweg fand ich etwas arg lang, dafür ließ sich das Getriebe aber leicht und sauber schalten.

Schräge Randnotiz: „Die größte Schweizer Automobilzeitung benannte 1923 dagegen einen k.u.k.-Offizier Leutnant Gymkhana als Namensgeber. — Wikipedia

Was mir als großem Moto Gymkhana Bewunderer richtig gut gefallen hat, war das Handling der Street 750. Für die Fotos sind wir zur goldenen Stunde einige Male durch die Kurven gekratzt und haben in der geräumigen Einfahrt eines Sportplatzes und in einer schmalen Haltebucht gedreht. Die Einfahrt war langweilig, da hätte selbst der übermüdete Fahrer eines Vierzigtonners spielend wenden können. Die Haltebucht wiederum, war für die Cruiser schon eher eine Herausforderung. Außer für die Harley. Die lässt sich mit etwas Unterstützung der Hinterradbremse so leicht am Lenkanschlag fahren, dass ich statt Fotos zu machen mir lieber einen kleinen Parkour abgesteckt hätte.

Was mir als großem Freund der eigenen Unversehrtheit wiederum nicht so gefallen hat, war die Vorderradbremse. Man musste – was mir, nachdem wir einmal die Maschinen durchgetauscht hatten, auch die anderen bestätigten – selbst für mäßige Verzögerung zupacken wie ein Cowboy beim Bullenreiten. Allerdings glaube ich, dass das eine Eigenheit unserer Testmaschine war; in keinem anderen Test, den ich gelesen habe, hat jemand die Bremse bemängelt.

Unnu?

Herr Trölf war auch Teil der Cruiser-Crew, hat sich aber partout geweigert, die Harley zu fahren. Er wollte sich seine mühsam gezogenen Vorurteile nicht ruinieren, so sagte er. Und damit hatte er auch schön recht. Ich weiss nicht, in wie weit die Street 750 mit ihrer relativ alltagstauglichen Konstruktion repräsentativ für die Marke ist, aber nachdem schon die Roller ihren Schrecken verloren haben, wird jetzt auch noch auf dieser Scholle das Eis langsam dünn.

Ich muss definitiv vorsichtiger werden, was die Fahrzeugwahl angeht.

Fotos: bikerszene.de, Ich

12 Kommentare

  1. Ernie Trölf sagt

    Wie immer schön geschrieben, Herr Pin.

    Seit ich durch Hondas Testfahr-Einladung zum Goldwing-Fan geworden bin, weiß ich dass man seine lieb gewordenen Vorurteile manchmal vor der unbequemen Wahrheit schützen muss! :D

  2. Ach ja, die nicht mehr hergestellte Harley XR 1200 hat mir z.B. gezeigt: Wenn die wollen, dann können sie auch.

    Hat nur leider keiner gekauft. Dabei ging die ordentlich ums Eck, etwas rabautzig aber schön.

  3. Wieder mal sehr schön geschrieben! Danke dafür.

    Sicher ein interessantes Mopped, wäre wohl aber auch für mich nicht der Neukauf 1. Wahl.

    Von Harley finde ich die Sporty 48 noch schöner und in der Klasse der Street 750 gibt es auf dem Markt Moppeds, die mir noch besser gefallen.

  4. Ich vermeide bisher erfolgreich, so ein „Ding“ zu fahren und mag es gar nicht, wenn (junge) Menschen ihnen gute Seiten abgewinnen können. Wenigstens ein Vorurteil möchte ich schließlich behalten. Es gibt ein Foto von mir im Showroom auf einer F6B, dessen Veröffentlichung ich erfolgreich juristisch verhindert habe. Doch es gibt schon Schopper, die mir wenigstens optisch gefallen haben (die waren irgendwie mattschwarz).

  5. Von dem Indischen Prachtstück jetzt aber auf „normale“ Harleys zu schliessen ist aber schon etwas gewagt.

    • „Ich weiss nicht, in wie weit die Street 750 mit ihrer relativ alltagstauglichen Konstruktion repräsentativ für die Marke ist, …“

  6. Ah… Pardon, übersehen.

    Relativ Altagstauglich sind die anderen wohl auch. Zumindest berichtet mir das der, der sowas fährt. Und er kommt von ’ner Pan European. Erstaunlich. ;-)

  7. Uiiii, genau kenne ich mich nicht aus, aber es ist ein Riesending…

    Von den Bildern der Harley website her würde ich sagen Softail, aber welche nun genau… Sobald es rollt fährt es sich aber locker, abgesehen davon das ich bei vollem Lenkeinschlag mit der Hand nicht mehr am Lenker komme, und beim Rangieren das Gewicht dann doch zu merken ist.

    Aber er ist knapp 2M und ich „nur“ 1,85. ;-) Er hat schlicht mehr „Reichweite“.

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