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Geschaut: Sayonara Speed Tribes

Gleich vorneweg: jetzt wird’s speziell. Was folgt ist eine kurze Rezension des Films Sayonara Speed Tribes, einer Indie-Doku über die japanische Subkultur der Bosozoku – Nippons ureigener Form der Motorradgang.

Seit ich 2011 das erste mal von dieser Dokumentation Wind bekommen habe – kurz nach Ende der Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter müsste das gewesen sein -, hatte ich stets ein halb waches Auge auf ihren Fortschritt. Fertiggestellt wurde sie 2012 und vorerst nur als DVD vertrieben. Seit Anfang August gibt es nun endlich auch eine Download- (6,99 USD) und eine Streaming-Variante (2,99 USD).

Bōsōzoku (jap. 暴走族; wörtlich ‚brutal laufender Stamm‘) sind eine japanische Subkultur, (…) Bōsōzoku-Mitglieder werden tendenziell als Kriminelle und Außenseiter aufgefasst, es wird gemeinhin über Bosozoku-Gruppen gesagt, dass sie Rekrutierungsfeld der Yakuza seien.
Wikipedia

Wenn er auch vielleicht nicht unbedingt weit verbreitet ist, so hat man doch zumindest in der schummerigen kleinen Hinterhofgemeinschaftswerkstatt Internet den Begriff Bosozoku bestimmt schon einmal gehört – lange genug gibt es ihn dafür jedenfalls. Entstanden in den 1960er Jahren als rebellische Gegenreaktion der Jugend auf das Japan, das im Zuge der nach Ende des zweiten Weltkriegs wiederkehrenden Normalität immer konservativer wurde, wurden sie zu Anfang noch Kaminari-zoku genannt, die Donnergangs. Der Begriff Bosozoku wurde erst im Sommer 1972 durch die Medien geprägt, als eine ihrer Ausfahrten in eine Massenkeilerei eskalierte.

Der ernst drein blickende Herr auf dem Titelbild ist Hazuki, älterer Bruder (wie „verdiente“ Bosozoku von den jüngeren respektvoll genannt werden) und ehemaliger Chef der Specter Downtown Speed Gang. Von ihm, seinem bisherigen Lebensweg als Bosozoku und Yakuza, und dem Wandel seiner Subkultur erzählt dieser Film.

Poesie und Plusterhosen

Szene 1 – Man sieht einen Japaner in seinen Dreißigern vor dem Itsukushima Schrein einen Tokko-Fuku niederlegen, sich verbeugen und in die Hände klatschen. Der Tokko-Fuku ist eine Hommage an die Uniform, wie sie von Kamikaze-Piloten auf ihrem letzten Flug getragen wurde, und das „traditionelle“ Outfit eines Bosozoku: ein Übermantel, häufig ohne Hemd darunter über einer Plusterhose getragen, und mit Sprüchen und Symbolen verziert – oder, wie im Fall des vor dem Schrein abgelegten, mit dem Vers eines Gedichts.

Wenn ich mir vorstelle, bei uns hätte es Eins-zu-Eins eine zur japanischen Entwicklung analoge gegeben: Eine Horde Halbstarker versetzt gegen Mitternacht (die bevorzugte Zeit der Bosozoku für Ausfahrten) auf ihren psychedelisch bunt lackierten alten BMWs, die zwar über keinerlei Schalldämpfer verügen, dafür aber über höher gelegte Verkleidungen und absurdformatige Sitzbänke, die Großstädte in Aufruhr, wobei sie alte Uniformen tragen, geschmückt mit Stickereien von Versen aus Heinrich Heines Gedichten …

Diabetes und Hörstürze

Aber ich schweife ab. Bei uns jedenfalls dürften sie weniger für ihre lyrischen Stickereien bekannt sein, als vielmehr für die schrägen aber typischen Umbauten ihrer Motorräder. Hierbei scheinen zwei Merkmale das absolute Mindestmaß dessen darzustellen, was die eigene Maschine aufweisen sollte, um als Bosozoku ernstgenommen zu werden: eine Lackierung, so schrill, dass sie Zahnschmerzen verursacht, und das Nichtvorhandensein sämtlicher Schallämpfer. Höher gelegte Verkleidungen oder Sitzbänke mit Rückenlehnen von einem Meter sind optional.

Foto: Jorge - Tokyo, Japan CC-BY-2.0, via Wikimedia Commons

Foto: Jorge – Tokyo, Japan CC-BY-2.0, via Wikimedia Commons

Leider erfährt man in Sayonara Speed Tribes insgesamt recht wenig über die Maschinen und ihre Umbauten; eigentlich kaum mehr als die ohnehin offensichtlichen Dinge, wie hoch und laut. Die Dokumentation folgt strikt ihrem Titel und konzentriert sich beinahe ausschließlich auf das soziale Geflecht der Bosozoku, das sich durch die Erzählungen Hazukis um ihn herum ausbreitet. So erfährt man, dass die Mitglieder meist junge Männer von unter 20 Jahren sind, da sie, sollten sie gefasst und für irgendwelche Vergehen belangt werden, sehr viel mildere Strafen zu erwarten haben, wie mit 21 Jahren aufwärts. Das Gros von ihnen findet nach seiner Zeit als Bosozoku den Weg zurück in die Gesellschaft und geht ganz normal arbeiten. Wenige andere aber, wie Hazuki, driften ab in die Yakuza.

Sayonara

Erst am Ende der Dokumentation ist mir aufgefallen, wie klar eigentlich schon zu Beginn war, dass Hazuki dieser Schattengesellschaft wohl gerne den Rücken kehren würde. Er ist zwar noch der Mentor der nächsten Generation Bosozoku, doch diese hat mit seiner eigenen nicht mehr viel gemein. Es sind keine Fighter mehr, so sagt er. Sie arrangieren sich lieber mit den anderen Crews, um die Kultur der Bosozoku zu erhalten.

Eine Szene veranschaulicht diesen Generationen- und Einstellungswandel ganz besonders: Die Crew hat sich zusammengefunden, Fotos sollen gemacht werden. Einer der „Novizen“, ein blasser, hagerer Kerl, der Hazuki mindestens um einen Kopf überragt und optisch so ziemlich das genaue Gegenteil von ihm darstellt, ist ohne Tokko-Fuku aufgetaucht. Als Hazuki ihm einen von sich anbietet, lehnt der Hagere ab. Dass der Neue, der ohne jeden Zweifel in der geliehenen Uniform ausgesehen hätte wie die Hinterwäldlerkarikatur eines Bosozoku, sein eigenes Erscheinungsbild über das stellt, was der Tokko-Fuku für ihn, Hazuki, bedeutet, kann er nicht akzeptieren und jagt ihn davon.

Doch diese Szene zeigt auch noch etwas anderes: Nicht nur die Bosozoku haben sich verändert, auch er selbst. Sein jüngeres Ich, das man in einigen alten VHS-Aufnahmen zu sehen bekommt, hätte so einen „Frevel“ mit ziemlicher Sicherheit nicht ungestraft gelassen.

Die Dokumentation nimmt gegen Ende eine Wendung, die, liest man sie lediglich beschrieben, schon fast einen seifenoperettigen Charme hat:

Der Ex-Bosozoku, Kickboxer und Yakuza mit Bodysuit und den fehlenden ersten beiden Gliedern des kleinen Fingers der linken Hand steht in einem Tenrikyo Tempel und spült Geschirr. Er hat sich der Religion zugewandt und den Entschluss gefasst, der Yakuza den Rücken zu kehren und nach Kenia zu fliegen, um dort humanitäre Hilfe zu leisten.

Tatsächlich aber fügen sich diese Aufnahmen nahtlos in das Bild, das man von Hazuki als Menschen bekommt, jemandem, der für die Unterwelt eigentlich zu gutherzig zu sein scheint und ihrer obendrein noch überdrüssig – ein Suchender.

Der Abspann zeigt eine Diashow mit Fotos aus Kenia.

Fazit

Sehenswert! Man bekommt einen interessanten Einblick in eine Nische der japanischen Kultur, welche per se ja schon einiges an für uns kuriosem Verhalten, Riten und Bräuchen zu bieten hat. Es könnte zwar mehr über Motorräder geredet werden, aber das ist zu verschmerzen.

Titelbild: Hazuki Kazuhiro via Jamie Morris/Figure 8 Productions

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