Empfehlung des Hauses, Getestet, Unterwegs
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Louis der Ludenschreck

“Nein!? Doch! Ohhh!” Ich konnte förmlich hören, wie die Worte des Entsetzens über das gerade Erlebte von den Innenseiten seiner Schädeldecke als Echo wiederhallten, während ich mich behände auf der dritten von zwei Spuren am Innenstadtstau vorbeischlängelte. Mit einem Motorrad oder, wie in meinem Fall gerade, einem adäquat motorisierten Roller einen handelsüblichen PKW an der Ampel stehen zu lassen ist zum einen keine große Kunst, und zum anderen reichlich pubertär. Aber was sollte ich machen? Hatte er mich doch durch mehrfaches Hochdrehen des Motors regelkonform dazu herausgefordert. Man möchte ja auch nicht unhöflich sein.

Er, mein “Kontrahent”, saß sonnenstudiogebräunt und mit massigen Silberketten behangen in einem weißen Mercedes Coupe mit übergullideckelgroßen, hochglanzpolierten Felgen und schaute durch seine Ray-Ban Sonnenbrille, die er trotz des diesigen Wetters trug, zu mir herüber. Als fairer Sportsmann klappte ich natürlich das dunkle Visier meines Helms herunter, um mir keinen Vorteil zu verschaffen. Die Ampel schaltete auf grün und der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt. Ich selbst saß auf einem Honda Integra und war gerade auf dem Weg die Pressemaschine, mit der ich zum MotoGP Gucken in Le Mans war, wieder zurück zu bringen.

Tourette

In einer Art Tourette Tick war ich der Meinung gewesen, es sei eine unglaublich lustige Idee, den Trip mit dem Integra zu machen, einem Roller. HAHAHA! Ha. Oh Mann. Unter der purpurfarbenen Sitzbank und seinem Plastikkleid in schwarzer Metalliclackierung stecken immerhin das gleiche gute Chassis, die gleichen 17” Räder und der gleiche großartig dieselig blubbernde Motor wie in der NC700S/X (jetzt NC750S/X) und der CTX700N. – Ein Krad ordinaire sozusagen, nur eben mit Rollerkarosse. Neben seiner Optik und der Keramikthronsitzhaltung ist der größte Unterschied zwischen dem Integra und seinen Schwestermodellen: Man bekommt ihn nicht mit mechanisch-manueller Schaltung, sondern ausschließlich mit DCT. Das DCT ist Hondas automatisch (wahlweise auch per Knöpfchen manuell) geschaltetes Doppelkupplungsgetriebe und die Abkürzung der englischen Bezeichnung: Dual Clutch Transmission. Vorgestellt wurde es im Jahre des Herrn 2010 in der VFR1200F und hat es seitdem auch in den kleineren Hubraumklassen auf die Liste der aufpreispflichtigen Extras geschafft. Und um mal zu schauen, wie sich das DCT in den NCs, beziehungsweise im Integra auf längeren Etappen so macht – und eben zum MotoGP Gucken –, bin ich mit dem Kollegen Zimmermann und zwei weiteren Begleitern im Regen nach Le Mans gerollt.

Wie gesagt: Eine vermeintlich lustige Idee, Roller zu fahren. Es war zwar schon ein Stück weit amüsant, das genaue Gegenteil dessen zu machen, was einem der erste Reflex war – “Boah, ne! Gott bewahre, kein Roller!” –, aber so richtig … Die ganze Sache konnte man eigentlich nur dadurch noch einigermaßen retten, dass man sie in irgendeiner Art pointierte. Eine vage Idee hatte ich schon, was noch fehlte war der Feinschliff. Letztendlich war es Exilpariser und Frankreichexperte Gleich, der während einer Diskussion meinte: “Der ECHTE Franzose transportiert ausschließlich im offenen Drahtkorb hinten.” – Mon aéroglisseur est plein d’anguilles. Merci!

Freund der Franzosen

Regen. Den hatten wir auf gut 90 Prozent unserer ~780 Kilometer langen Anfahrt. Das Gute am Dauererguss: Es stört einen weniger, dass man auf der Autobahn rumkrebst. Wir hätten die Strecke über Land zwar ohnehin nur schwerlich an einem Tag geschafft, aber die Monotonie war eben deutlich leichter zu ertragen mit dem Wissen, dass man es auf den verwundenen Landstraßen, die sich durch Felder, Wälder, Wiesen, Weinberge und pittoreske Dörfchen ziehen, ohnehin nicht hätte angemessen angehen können. Abgesehen davon verhängt Frankreich empfindlich hohe Geldbußen, sollte man versehentlich mal etwas über dem Limit liegen, was auf der Autobahn deutlich weniger wahrscheinlich ist, da zwar auch dort die Strafen drakonisch sind, im Gegenzug aber die Blitzer fairerweise deutlich und rechtzeitig angekündigt werden.

Als wir irgendwann gegen Abend also triefend am Hotel angekommen waren, kam gleich jemand herausgejoggt – der Hotelchef, wie er sich kurz vorstellte – und fuhr zuvorkommenderweise seinen Renault Clio aus dem Weg, damit wir direkt gegenüber des Eingangs parken konnten. Wir hatten gerade angefangen abzurödeln, als er wieder auftauchte und sich mit vornehmer Zurückhaltung näherte. Diese Contenance verpuffte wie einer der Regentropfen, die sich auf den heißen Endtöpfen in kleine Atompilze verwandelten und wich freudigem Nationalstolz, der die Brust des schmalen Gastwirts anschwellen ließ. Er hatte den auf dem Integra festgeschnallten Weidenkorb entdeckt, den ich zum Transport von Rotwein, Baguette und einigen Stangen filterlosen Gauloises auf dem Soziusplatz sitzen und mit einem ausgedruckten und einlaminierten Portrait des Mannes verziert hatte, der mir Frankreich näher gebracht hat, als es je ein Erdkunde- oder Geschichtslehrer vermocht hätte; der große Louis de Funès. Diese Hommage an die “Grande Nation” kam unterwegs schon gut an und machte mich zum Freund aller Franzosen. Mein neuester, der Hotelchef, zeigte sich, nachdem er sich wieder etwas beruhigt hatte, allerdings irritiert über die Marke unserer Fahrzeuge. Dass wir als Deutsche japanische Motorräder fuhren, das fand er eigenartig. – Diese Franzosen. Vermutlich hatte er erwartet, dass wir plündernd und brandschatzend auf BMW Kettenkrädern einfallen würden.

Nach dem Beziehen der Zimmer endlich trocken im Restaurant sitzend, erzählte er uns noch, während er nebenbei übersetzte, was auf der Speisekarte stand, dass er selbst eine KTM fährt und wie das hier in Frankreich mit dem Endurowandern so ist und mit der Gendarmarie und dass eigentlich niemand wirklich etwas gegen Motorradfahrer hat, ganz im Gegensatz zu diesen Gottlosen Quadfahrern, die seien wie die Pest am Arsch! Letzteres sagte er, wohl der anderen Gäste wegen, mehr mit Blicken, denn mit Worten. Aber deutlich! Er nahm unsere Bestellung auf und verabschiedete sich mit einem “Förävär tüh Wiehls!” in Richtung des alten Mühlrads – das Restaurant war mal eine Wassermühle –, vor dem er rechts in die Küche abbog.

Brüllpunkte

louis_der_ludenschreck_1Die nächsten beiden Morgen begrüßten uns erfreulicherweise mit Sonnenschein. Er hielt zwar nicht lange, war aber doch ein angenehmerer Start als der Abschied des jeweils vorangegangenen Abends. Unser Hotel war gute 80 Kilometer vom Circuit Bugatti entfernt und so schlängelten wir uns schon relativ früh am Morgen über Sträßchen, ausgebaut wie bessere Fahrradwege, durch das aus Bruchstein, Schieferdächern und Einfachglasfenstern gebaute französische Hinterland des 19. Jahrhunderts. Lediglich der fluchende Landwirt, der unseren Frühsport wohl für zu ambitioniert hielt, störte mit seinem modernen Trecker die Postkartenidylle. Nach einigen Kilometern ploppten wir aus unserer Zeitblase wieder in die Gegenwart und schwenkten auf die Autoroute in Richtung Le Mans. Je näher wir der Stadt kamen, desto deutlicher kippte das Verhältnis von Krad zu Dose; von geschätzten 1:200 Normalzustand, zu nicht minder unpräzise geschätzten 4:1 auf der sonst zweispurigen Autobahnabfahrt, welche im Interesse aller spontan um drei Spuren erweitert wurde.

louis_der_ludenschreck_2Der Rennstreckenkomplex Le Mans ist, nicht im Sinne von klein, sondern im Sinne von “frei von Gegenständen, welche die Sicht versperren”, ziemlich überschaubar. Gäbe es dort andere Schlachten als die des Materials, es würde wohl ähnlich aussehen wie die Landung in der Normandie. Nur halt ohne Meer.

Verfolgt man die Rennen von einer der Tribünen aus, verschwinden die Fahrer aufgrund dieser Weitläufigkeit die meiste Zeit weit draußen, als kleine, bunte, laute Punkte. Die Entfernung zum Geschehen hier war das genaue Gegenteil der TT. Die langgezogene Rechtskurve direkt nach Start/Ziel war vielleicht noch ganz interessant, wenn die Fahrer angeflogen kommen, nach rechts abdriften und dabei aussehen wie vom Gravitationsfeld eines Planeten abgelenkte Kometen, aber den ganzen Tag Mensch/Maschine-Kometen gucken? Da war ich doch froh über meinen Status als Gast des LCR Honda Teams, der mir neben dem Zugriff auf den Red Bull Kühlschrank ohne Boden auch den Zugang zur Box gestattete. Dort war es auf Dauer deutlich interessanter. Mit der konzentrierten Choreographie des Mechanikerballets, welches aufgrund sich bessernden Wetters das komplette Setup an Monsieur Bradls zweiter Maschine innerhalb weniger Minuten von nass auf trocken und wieder retour tauschte, da aus dem trockenen Lauf doch nichts wurde, den drei Monitoren mit Liveübertragung und detaillierten Echtzeitinformationen zu allen Fahrern, da konnten die Brüllpunkte einfach nicht so wirklich mithalten.

louis_der_ludenschreck_3Vom Pressebereich aus, direkt neben der Strecke, ließ es sich noch ganz gut zuschauen. Man musste allerdings akzeptieren, dass man dem Proletariat (im marxschen Sinn), ganz weit draußen, nach dem Kiesbett und dem Pressebereich, hinter Zäunen, in ätzendem Halbregen und Matsch stehend, wartend, zuschauend, vor der Nase rumtanzt. Dem harten Kern war das zwar augenscheinlich egal, mir aber nicht. Ich kam mir vor wie ein bonziger Großgrundbesitzer, der sich von seinem Chauffeur im rabenschwarzen DS7 durch die Arbeiterviertel der Vorstadt chauffieren lässt. Ich trollte mich.

Unterschiede

louis_der_ludenschreck_4Das Rennen war vorbei, Bradl Zehnter. Wir packten unsere Sachen und machten uns auf den nassen Heimweg. Als auf den ersten zwei, drei Autobahnbrücken Familien standen, die uns zuwinkten, winkte ich zwar zurück, schenkte dem Ganzen aber noch keine größere Beachtung. Mir ging wohl noch der Unfall des (wenn ich die Trümmer richtig zuordnen konnte) GSX-R Fahrers durch den Kopf, der auf dem Beschleunigungsstreifen mit massivem Geschwindigkeitsüberschuss in das Heck eines Kleintransporters eingeschlagen war und dort eine erschreckend tiefe Kerbe geschlagen hatte. Nachdem wir aber Le Mans schon seit über 100 Kilometern hinter uns gelassen hatten und noch immer fröhlich von jeder einzelnen Brücke gewunken wurde, verzogen sich die dunklen Gemütswolken und ich erinnerte mich wieder an das, was mir während der Anreise schon aufgefallen war, und was der Hotelchef, ohne es zu wissen, am ersten Abend noch einmal bestätigt hatte: wie entspannt der Umgang der Franzosen mit Motorradfahrern ist.

Ich glaube der Grund dafür sind nicht irgendwelche externen, regulativen Einflüsse wie Geschwindigkeitsbegrenzungen und Blitzer, sondern schlicht und ergreifend die Mentalität. Der Deutsche verkraftet es einfach nicht so gut – Nur als Beispiel. Unser heimisches Verkehrsökosystem beherbergt noch viele weitere possierliche Arten von Missgünstlingen. –, aus Prestigegründen einen Panzer mit der Geländegängigkeit einer Badewanne gekauft zu haben, und nun alleine darin im Stau festzustecken (huch!), während dieses zweirädrige Gewürm ganz gemütlich zwischen den stehenden PKW durchrollen kann. Und deshalb bekommt DER das jetzt ab! ZACK! Rübergezogen. Die Rettungsgasse ist zwar jetzt dicht, aber das ist egaaal! Du kommst nicht mehr vorbei, Bürschchen, DU NICHT! – Puterroter Kopf, Gift und Galle, Speichelfäden. Kennt man ja. Irgendwie sind die Deutschen ohne ein kleines bisschen Krieg scheinbar nicht glücklich.

In Frankreich habe ich ausschließlich das genaue Gegenteil davon erlebt. Sieht der Franzose im Rückspiegel einen Motorradfahrer auftauchen, würde er lieber den mit seiner Familie vollbesetzten Renault Megane in den Graben setzen, als ihm im Weg zu stehen. Dieser weiß das Entgegenkommen zu schätzen, bedankt sich artig und alles ist gut. Utopia.

Fin

PS: Eigentlich wollte ich ja was über den Integra bzw. das DCT erzählen, bin wohl aber mal wieder etwas abgeschweift. Ein paar Worte dann doch:

Ja, Rollerfahren fühlt sich eigenartig entkoppelt an, nach wie vor. Es fehlt einfach, wenn man vom Motorrad kommt, die Kontrolle und das Feedback über die Innenseiten der Oberschenkel. Hat man sich aber an die fehlende Sensorik gewöhnt, merkt man irgendwann, dass unter dem Plastikgewand des Integra ein ganz normales Motorrad steckt: Keine kippelige Nervosität winziger Reifen, kein unberechenbares Kurvenverhalten und vor allem: keine Variomatik! (Gut, letzter Punkt dürfte einem wohl relativ schnell auffallen.)

louis_der_ludenschreck_5Rückblickend bin ich froh, den Integra gefahren zu sein. Zum einen der Erfahrung wegen, zum anderen weil ich bei ~1600 Kilometern im Regen (von ~1900 Kilometern Gesamtstrecke) hinter dem breiten Vorderbau und der hohen Scheibe wenig davon abbekommen habe. Nass wurde ich zwar auch, aber erst nach etlichen Kilometern, weil das Wasser irgendwann über den Helm auf die Jacke lief und ein kleines bisschen der aufgewirbelten Gischt eben doch immer seinen Weg an die Beine findet.

louis_der_ludenschreck_6Paradoxerweise ist mein einziger wirklicher Kritikpunkt, neben dem etwas zu kleinen Staufach unter der Sitzbank, diese Scheibe, die so viel Regen abgehalten hat: Wir alle hatten den neuen X-lite X-603 dabei, wir alle kannten seinen Vorgänger, den X-701 und ich konnte es beim besten Willen nicht nachvollziehen, dass der Rest der Crew die ganze Zeit von “so viel leiser” faselte. Ich fand ihn eher lauter. Bis ich während der Fahrt mal aufgestanden bin. Der Helm ist tatsächlich eine ganze Ecke leiser (und liegt besser im Wind) als der X-701. Das war mir bis dahin nur nicht aufgefallen, weil bei meiner Größe die über die Scheibe des Integra ziehende Verwirbelung den Helm als Subwoofer benutzt hat.

Abgesehen davon ist der Integra echt gut. Er ist ein bisschen wie dieser Kerl aus dem Film “Underworld”, der Vampir/Werwolf-Hybride. Er sieht zwar etwas, na, wie der Engländer sagen würde, “fruity” aus, vereint dafür aber die Stärken beider Seiten bei keiner (bzw. kaum einer) ihrer Schwächen.

Und das DCT? Das ist sowieso großartig, ob im Stop-and-go-Verkehr auf Frankreichs Autobahnen, oder beim Ampelrennen in der Frankfurter Innenstadt.

4 Kommentare

  1. Allein das viele Blinken, das allen Beteiligten im Verkehr hilft, ist toll. Wie effektiv und fair Kreisverkehre funktionieren können, usw.

    Tja, vielleicht ist es diese altmodische Höflichkeit, die das Fahren und auch das Leben in Frankreich so angenehm macht. Ich war in den letzten Jahren wieder sehr häufig in verschiedenen frz. Landesteilen unterwegs und habe sie überall erfahren.

    Zum Integra: Er ist wohl die konsequenteste Umsetzung des Honda-quasi-Turbo-Diesels und des DCTs.

    • Konsequent in der Form, dass es ihn ausschließlich mit DCT gibt, jup. Vom Charakter her ist für mich allerdings der Crosstourer DIE Maschine, in der man das DCT unbedingt haben will. Auch wenn sich die Frage des Wollens beim Integra ja gar nicht stellt. Und auch nur solange, bis es das für die Goldwing gibt.

  2. Sehr schön geschrieben. :-)

    Ich habe mir gerade eine(n) Integra 750 gekauft. Nicht nur weil mich das Konzept interessiert sondern auch aus reiner Provokation. Deutschland ist so spießig, wenn es um Großroller geht. Ein Grund, es erst Recht selbst zu probieren. Der 500er Yamaha TMax hatte mir auch schon beim Testen gut gefallen… :-)

    VG, Marcus

    • „Deutschland ist so spießig, wenn es um Großroller geht.“ – Vor allem unfundiert spießig. Ich behaupte, mindestens drei viertel der Leute, die ihren Häme-Eimer immer griffbereit haben, sind so ein Teil noch nie gefahren. Ich konnte Rollern auch ganz lange ganz wenig abgewinnen, aber diese „Abneigung“ basierte wenigstens auf eigenen Erfahrungen – wenn auch auf veralteten.

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