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Bloody Hippies! – TT 2013

Es war das Wochenende zwischen der Practice und der Race Week. Zusammen mit dem Kollegen Dr. Gleich saß ich im Sefton Hotel am Nick Jefferies Table und wir schwenkten gerade um, von Gin Tonic zu Single Malt Whiskey, während Phillip McCallen auf der kleinen Bühne Anekdoten über seinen ehemaligen Teamkollegen Joey Dunlop zum Besten gab.

Wir saßen beim Dinner zum 30 jährigen Jubiläum von Joey’s erstem TT-Sieg auf einer Honda Maschine im Jahre 1983. Nette Menschen und glückliche Umstände hatten dafür gesorgt, dass ich dieses Jahr selbst hier sein konnte, beim Woodstock der Speedfreaks.

Fiktive Situation Anfang der 90er: “Hier Diego, hast du zwei Koffer voll Bargeld und ein Flugticket nach Kolumbien. Viel Spaß!” Wer beim Lesen dieser Zeilen die Augenbrauen hochzieht und fragend “Äh?” sagt, ist entweder zu jung oder hat tatsächlich noch weniger Ahnung von Fußball als ich. Das allerdings halte ich für beinahe unmöglich. Dieser Sport ist einfach nicht mein Ding. War er nie und wird er mit relativ großer Wahrscheinlichkeit auch nie werden. Und dennoch erschien mir diese Analogie als durchaus passend, da sie nicht nur gut veranschaulicht, wie es mir geht, wenn man mich fragt “Hast du Ende Mai schon was vor? Bock zur TT zu fliegen?”, sondern auch, weil die Koksgeschichten von Maradona, der Nase Gottes, eine wunderbar passende Überleitung zu einem anderen Freund von Narkotika sind, zu Hunter S. Thompson. Jetzt habe ich ja schon des Öfteren hier und da mal ein Zitat von Herrn Thompson eingestreut und so dachte ich mir, als ich mich auf den Trip vorbereitete: “Nimmst du am Besten eines seiner Zitate und bereitest schonmal ein paar Textbausteine vor. Später garnierst du das ganze noch mit ein paar Fotos und Erfahrungen und BA-BÄMM!, fertig.”

Also mal sehen, was hätten wir denn da so? “Faster, faster, until the thrill of speed overcomes the fear of death.” Oder ein Zitat, was ich erst in meiner schamlosen Lobhudelei auf die 600er Doppel-R benutzt habe: “Never mind the track. The track is for punks! We are road people!” Gut wäre aber auch: “There was madness in any direction, in every hour. You could strike sparks everywhere!” Bei längerem Nachdenken würden mir mit Sicherheit noch ein halbes Dutzend weiterer passender Zitate einfallen. Oder besser gesagt, vermeintlich passender Zitate. Denn auch wenn einem in Anbetracht von 320+ km/h, gefahren auf buckeligen kleinen Landsträßchen, vorbei an Strommasten, Steinmauern und poppenden Schafen, der Begriff “Wahnsinn” geradezu in den Schoß fällt, war es etwas anderes, was überraschenderweise einen ebenso großen Eindruck hinterlassen hat. Und auch auf die Gefahr hin jetzt zu klingen wie ein verlauster Hippie, es war der Vibe der TT.

Dieser Vibe war allgegenwärtig und er zog sich wie ein roter Faden durch den gesamten Trip. Ein Beispiel: Als wir im Bus über die Fairy Bridge schaukelten und unser Tourguide Nick Jefferies meinte: “When we cross the bridge, we all greet the fairies by saying “Hello fairies!”, alright?”, grüßte der gesamte Bus in harmonischem Singsang die Feen. Feen! Etwas, was mir wo anders vielleicht ein Augenrollen, ein Schmunzeln und einen milde mitleidigen Blick für diese armen Irren abgerungen hätte, erschien mir hier, zusammen mit den anderen Pilgern, als völlig selbstverständlich. Keiner von uns wäre auch nur im Entferntesten auf die Idee gekommen, die Feen nicht zu grüßen und so das Unglück auf sich zu laden. Ehe du dich’s versiehst, rollst du als Käfer kopfüber Mistkugeln durch die Gegend – Karma.

Oder eingangs erwähnter Abend im Sefton Hotel. Unser “Programmablauf” erbat den Dress Code “Jacket and Tie”. Ich hielt das zwar in Anbetracht der Tatsache, dass es sich wohl um einen einfachen Sektempfang handeln würde für reichlich übertrieben, kam als guter Gast der Bitte aber dennoch nach. Eine halbe Stunde nachdem ich meine Verkleidung angelegt hatte, stand ich vor einer “Silver Replica” und Joey’s RC-30, in diesem pompösen Sefton Hotel, das mit seinen Balkonen mit den verzierten Metallgeländern, die auf drei Etagen den Innenhof überragten, auch gut der Schauplatz eines Sherlock Holmes Romans hätte sein können.

Als sich besagter Innenhof füllte, fiel mir auf, dass ich einen nicht unerheblichen Teil der Gäste um mich herum vom Sehen her kannte. Da waren unter anderem die Dunlop Brüder William und Michael (Joey’s Neffen), John McGuinness, Michael Rutter, Carl Fogaty und Ron Haslam, die um mich herumschwirrten. Messerscharf kombinierte ich: “Wohl doch kein einfacher Sektempfang.”

Und hier sind wir wieder am Anfang der Geschichte. Wir saßen beim Dinner und kämpften uns pflichtbewusst durch diverse Alkoholika britische Spezialitäten, während ehemalige Teamkollegen, Honda Chefs, Familie und Freunde von Joey auf die Bühne kamen und Geschichten erzählten, die ihnen im Bezug auf ihn besonders in Erinnerung geblieben waren. Glorreiche Stories von Zigaretten, Bier und langen Nächten in Pubs, karitativen Projekten, teuren Motorteilen, die ausgebaut im Gras lagen und von verzweifelten japanischen Übersetzerinnen, die kein Wort des nordirischen Genuschels verstanden, das Joey von sich gab.

Da einige von uns am nächsten Tag mit Warpgeschwindigkeit über Eingangs erwähnte Sträßchen fegen würden, endete dieser Teil des Abends leider relativ früh. Zu früh für uns Nichtfahrer. Wir machten uns also auf den Weg zu Bushey’s Beer Tent, einer Institution auf der Isle of Man, mit dem besten Bier der Insel! Das behauptete zumindest Genosse Gleich. Ob dem tatsächlich so ist, kann ich leider nicht beurteilen, denn als wir dort ankamen, hatten sie schon zu.

Wir ließen uns von den typisch britischen Sperrstunden nicht beirren und gingen zurück zu unserem Hotel. Dort gab es einen Club, zu dem die Gäste des Hotels freien Eintritt hatten. Die Musik war clubtypisch furchtbar, die Gesellschaft dafür aber ausgezeichnet! Und so vergingen bei Okell’sschwangeren Diskussionen über Motorräder, bayerische Hutquasten und die eigenen Heldentaten die Stunden, bis man uns schließlich höflich darauf hinwies, dass man doch jetzt gerne Feierabend machen wolle. Der Rest der Truppe nahm diesen Hinweis zum Anlass den Matratzenhorchdienst anzutreten. Ich aber hatte, als Teetrinker in einem Teetrinkerland, mehr Darjeeling, Earl Grey und English Breakfast in mich hineingeschüttet, als ein Leopard 2 bei voller Fahrt an Diesel durchjagen könnte. – An Schlaf war nicht zu denken. Zu meinem Glück verfügte unser Hotel aber nicht nur über einen hauseigenen Club, sondern auch über das einzige Casino der ganzen Insel. Und es hatte noch offen.

Nun alleine unterwegs fürchtete ich schon, ich müsse von meinem Freispiel Gebrauch machen, um mir die Zeit zu vertreiben und würde am nächsten Morgen völlig abgebrannt feststellen, dass die Feen meinen Akzent wohl nicht mochten, wurde aber vom Zufall davor bewahrt. Als ich in das Casino schlenderte, in meinem Aufzug dem Personal ähnlicher als den Gästen, lief ich dort nämlich einem echten Unikum der TT über den Weg. Im bürgerlichen Leben Finanzmensch, verwandelt sich Konrad A. einmal im Jahr in Wheelie Konni, der, anders als das Alter Ego von Clark Kent, weder Badehosen über Leggins noch Cape trägt, sondern eine mit Pins und Patches übersäte alte FLM Lederkombi. Ich kam mit ihm und einigen anderen Leuten ins Gespräch und ehe ich mich’s versah, machte auch das Casino schon Feierabend. Ich bestellte einen letzten Earl Grey und ging zu Bett. Es war viertel nach Fünf.

Als ich um viertel vor Acht über meinen Frühstück saß, bestehend aus einer Seemannsportion gebackenen Bohnen, zwei Spiegeleiern, einer halben Schweinefamilie in Streifen und einem schwarzen Tee, stellte ich zwei Dinge fest: Erstens, der Abend war doch etwas anstrengend. Zweitens, und das war deutlich bemerkenswerter und der eigentlich Punkt, ich bin ausnahmslos guten Leuten begegnet! Die Fahrer, die Fans, die beiden Bobbies mit denen wir ins Gespräch gekommen sind, alle cool, entspannt und voll auf TT.

Ein großer Teil dieses Vibes ist auf die Fahrer zurückzuführen. Würde man unbescholtenen Passanten auf der Straße Passfotos der Top 10 Fahrer zeigen und sie fragen, mit welcher Tätigkeit ihrer Meinung nach diese Herren ihr Geld verdienten, kein einziger würde richtig raten. Die Kerle sehen nicht aus wie die typischen Rennfahrer, sie reden nicht wie die typischen Rennfahrer und sie benehmen sich nicht wie die typischen Rennfahrer. 200 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auf solchen Straßen sind ein verdammt dünnes Drahtseil, gespannt über einem gigantischen Fleischwolf mit Raketenantrieb, und jeder, der bereit ist darüber zu tänzeln ist de facto auch alles mögliche, außer einem typischen Rennfahrer.

Wie bei allen Sportarten, denen ein gewisses Maß an Extremität anhaftet, ist auch bei Straßenrennen der Grad zwischen Erfolg und Desaster schmal wie sprichwörtlich Messers Schneide. – Ganz besonders auf der Isle of Man. Und so blieb auch dieses Jahr das Schlimmste leider nicht aus. Am 28. Mai, drei Tage vor dem Abflug, verunglückte der Japaner Yoshinari Matsushita tödlich. Matsu-san war wohl der aktuell beste japanische TT-Fahrer und sein Name mir nicht nur deshalb ein Begriff, sondern vor allem auch, weil er so ein richtig herzlicher Lachsack war. Jedes Mal, wenn man ihn in einem Interview gesehen hat, oder wenn er auch nur für ein paar Zwischenschnitte gefilmt wurde, strahlte er von einem Ohr zum anderen.

Nach der TT schrieb seine Frau Chieko einen offenen Brief, den sie, typisch japanisch, damit beginnt, sich bei den vielen Unterstützern für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, die sein Unfall bedeutet hat. Diese Entschuldigung wiederholt sie an ein oder zwei anderen Stellen im Text und fährt weiter fort, er habe immer gesagt, es sei besser sich einer Aufgabe – egal welcher – zu stellen, um nicht am Ende bereuen zu müssen, irgendetwas nicht getan zu haben. Schließlich wisse niemand, wie lange er noch hier ist.

Charakteristisch ist auch die Story von David Jefferies’ GSX-R1000. DJ verunglückte 2003, als er im Training, vermutlich wegen eines Ölflecks, bei geschätzten 250/260 km/h die Kontrolle über seine Maschine verlor, mit einer Mauer kollidierte, von ihr abprallte und dabei einen Telefonmast umriss. Am Tag zuvor war er noch mit seiner Superstock Tausender auf der Strecke unterwegs, mit der er im Vorjahr seinen neunten TT Sieg einfahren konnte. Als er wieder in den Paddock rollte, sagte er zu Hector Neil, seinem Team Chef: “Lass sie so. Genau so wie sie ist, ist sie perfekt!” Das hat der gute Hector auch getan. Und heute, nach genau zehn Jahren, stand Davids Maschine wieder beim Team Tyco Suzuki im Fahrerlager, unverändert, mit dem Setup, mit dem er sie damals abgestellt hatte.

Unser oben erwähnter Tourguide, Nick Jefferies, war der Onkel von David. Selbst Rennfahrer und TT Gewinner, kommentierte er unseren Cruise zum Milntown Anwesen, von wo aus wir den Wahnsinn verfolgen wollten. Während der Fahrt gab er uns einige Hintergrundinfos zur Historie der Insel, zum Rennen und vor allem, zum Kurs. “Die nächste Kurve nicht zu weit außen anfahren, kurz vom Gas, rechts die Hecke streifen und mit Vollgas raus!” Ich nickte. Aber nicht etwa weil ich in einem akuten Anfall von Größenwahn gemeint hätte ihm zustimmen zu müssen, sondern weil wir ein paar Meter weiter über eine leichte Bodenwelle gefahren sind. „Habt ihr das gemerkt, die Bodenwelle? Bei 290 ist das ein riesiger Sprung.“ Lange Pause. „Hier sollte man dann langsam wieder am Boden sein.” Einen Moment lang dachte ich, er hätte vergessen was er sagen wollte. Nick war offensichtlich ganz in seinem Element und es hätte mich nicht im Geringsten überrascht, hätte er angefangen Motorgeräusche zu imitieren und sich mit ausgestrecktem Knie vom Sitz zu hängen. Nur einmal spürte man seinen bis dato ungebremsten Enthusiasmus in die Eisen gehen, als er auf den Abschnitt Crosby zu sprechen kam. – “That is where my nephew, David, lost his life.”

Diese Tiefs sind die leider unvermeidbare Kehrseite der Medaille. Die andere Seite ist die gute, die lebensfrohe, sie ist die wohltuende Abwesenheit ständig nörgelnder Moraldjihadisten, die im Namen der Sicherheit predigen ihr Vollkaskopfad sei der einzig wahre Weg ins Paradies, sie ist der verstrahlte Ausdruck beinahe schon spiritueller Verzückung in den Gesichtern der Fans und für die Fahrer ist sie die Freiheit genau das tun zu können, was sie wirklich wollen.

Ich kann jetzt gut nachvollziehen, wenn jemand sagt, man könne die TT nicht beschreiben, man müsse sie erleben, denn so ist es. Die blumigsten und detailliertesten Texte können höchstens eine vage Vorstellung davon vermitteln, wie es ist, tatsächlich dort zu sein. Mr. Thompson schrieb in Fear and Loathing in Las Vegas sehr passend: “No explanation, no mix of words or music or memories can touch that sense of knowing that you were there and alive in that corner of time and the world.” Aber das zu zitieren war mir dann doch zu schmalzig.

PS: Wer noch nicht genug TT-Blues hat, dem sei der Artikel von Rolf Henniges empfohlen.

2 Kommentare

  1. Hi Alex!

    Ich vagabundiere mal wieder so durchs Netz und bin auf der Suche nach interessanten Moppedblogs auch irgendwie über deine TT Story gestolpert. Ein feines Stück Erinnerung, das du hier in Wort und Schrift gefasst hast.

    Ich habe zwar viel mit Road Racing zu tun, war aber noch nie auf die IoM. Beim Lesen ist der Trip auf der Prioritätenliste aber wieder ein ganzes Stück nach oben gewandert. :)

    Beste Grüße,

    Michel

    PS: Leider akzeptiert das System keine Umlaute in E-Mail-Adresse. :(

    • Danke, danke. Gerade für jemanden, der ohnehin ein Faible für Straßenrennen hat, gilt für die IoM/TT das gleiche wie für Mekka: wenn es irgendwie geht, sollte man einmal im Leben hingepilgert sein!

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